Leseprobe 3 - Schlangenleben
Schlangenleben
Tief im hohen Gras versteckt, inmitten einer herrlich grünen Wiese, lebte einst eine junge Schlange. Sie glänzte in der Sonne und das Muster ihrer Haut verschmolz mit den Farben der Welt um sie herum. Schillernd schlängelte sie sich durch die Blumen und Gräser und war zufrieden mit sich und ihrem Leben. Wenn die Sonne so richtig hoch am Himmel stand, dann lag sie auf einem Stein und genoss die Wärme der goldenen Strahlen. Immer wieder betrachtete sie die Schönheit ihrer Haut und bewunderte die Feinheit ihres Musters und den Glanz, der sie umgab. Doch nicht nur die Schönheit machte sie so zufrieden. Die junge Schlange traf sich oft zu munteren Spielen und Gemeinsamkeiten mit anderen Schlangen und sie lebte gern in der Nähe ihrer Familie. Oft war sie am Abend so erschöpft, dass sie nicht mehr zurück zu ihrem Nest fand und sich in der Nähe ihrer Artgenossen zusammenringelte. Ach, war das ein herrliches Erwachen am Morgen. Im ersten frühen Sonnenlicht ein wenig Blinzeln um dann in der neuen Wärme des Tages schon glücklich mit den Anderen Spaß zu haben. Das war ein Leben, wie es unserer Schlange gefiel.
Es vergingen Tag um Tag und Jahr um Jahr und aus der jungen Schlange wurde eine reife Persönlichkeit. Sie fand einen Gefährten und gemeinsam zogen sie über die Wiese, um zu jagen und miteinander zu leben. Immer weiter entfernten sie sich dabei aus dem angestammten Revier. Sie schauten nach einem Platz für ein eigenes Nest und untersuchten jeden Stein und jede Erdhöhle auf dem Weg ins Unbekannte. Irgendwann einmal beschlossen sie, an einem Ort zu bleiben, der ebenso gut erschien wie jeder andere, den sie bisher gesehen hatten. Unsere Schlange begann mit dem Bau ihres Nestes und ihr Gefährte verließ sie, um zu jagen. Er versorgte sie gut und sie baute mit viel Liebe und Sorgfalt das gemeinsame Nest aus. Am Abend, wenn der Gefährte in das gemeinsame Heim kam, dann berichteten sie sich gegenseitig über all die wunderbaren Erlebnisse und Empfindungen, die den Tag über geschehen waren. Und sie ringelten sich umeinander und schliefen dicht zusammen gerückt miteinander ein. So hatte unsere junge Schlange ihr Leben verändert. Ihr Leben war jetzt ihrem Gefährten gewidmet.
Nun blieb es lange Zeit so, dass der Gefährte am Tage in den Weiten der Wiese unterwegs war, sich mit alten Freunden traf und mit ihnen gemeinsam in der Sonne lag oder auf die Jagd ging. Die noch immer wundervoll anzuschauende Schlange dagegen blieb im Nest, sorgte für Ordnung und wartete getreu auf die Rückkehr ihres Liebsten. Sie hoffte immer auf seine unverhoffte Rückkehr am Tage und traute sich immer seltener, das gemeinsame Nest zu verlassen. Er sollte nicht böse sein, wenn er sie einmal nicht antraf, weil sie sich in der Sonne ausstreckte und sich wärmen ließe oder sich mit Freunden traf.
So versagte sie sich mit der Zeit all die herrlichen Stunden der Jagd zwischen den Gräsern und Blumen. Sie hatte keine Ruhe mehr, wenn sie auf einem Stein in der Sonne lag. Immer dachte sie daran, wie es wäre, wenn er nun zurück käme und sie nicht vorfinden würde. Sicher würde er denken, sie hätte ihn verlassen oder sie würde ihn gar mit einem anderen Gefährten betrügen. Unsere Schlange blieb also daheim und verließ irgendwann nicht mehr das Nest.
Sie wurde langsamer, schwerfälliger und ihre einst so schillernde Haut wurde stumpf und unansehnlich. Schwere Gedanken beherrschten sie und sie fühlte sich unattraktiv und ungeliebt. Ihr Gefährte bemerkte diese Veränderung, doch er wusste nicht, wie er helfen konnte. Er sah sie leiden, doch er wusste keinen Rat. Sie sprach nicht mit ihm über ihre Gedanken, denn sie wollte ihn nicht verärgern, nicht verlieren. Ihre Haut begann zu spannen und sie einzuengen. Überall an ihrem Körper begann es zu jucken und sie bekam kaum noch Luft zum Atmen. Sie wollte wieder schön sein für ihn. Sie wollte wieder glänzen und wollte sich mit ihm zeigen können. Doch mit dieser farblosen und fahlen Hülle würde er sie kaum seinen Freunden präsentieren wollen.
Sie nutzte jede Möglichkeit, ihre Haut geschmeidig zu machen. Sie badete täglich im Tau und sie rieb sich die immer häufiger entstehenden Schuppen von der Haut. Immer öfter wälzte sie sich in heilender Erde und doch wurde ihre Haut blasser und faltiger. Wunden entstanden überall und sie heilten nicht mehr. Ihre Haut bekam Risse und ihr Gefährte schaute sie mit immer größerem Widerwillen an. Seine Brührungen wurden immer weniger und blieben schließlich aus. Immer später kam er zurück ins Nest und eines Tages schlief er nicht mehr bei ihr, sondern in einer weit entfernten Ecke. Sie warf ihm vor, er würde sie nicht mehr lieben. Sie zischelte ihn an, er würde sie betrügen. Er fragte sie, ob sie sich in letzter Zeit wirklich einmal angeschaut hätte, wie sie aussähe. Sie müsse endlich etwas für sich tun. Er schrie sie an, sie solle wieder so werden, wie sie früher war, als sie sich kennen lernten. Mit diesen Worten verließ er sie.
Und sie rollte sich zutiefst betrübt zusammen und schloss die Augen. Sie spürte in sich hinein und fühlte die unbeschreibliche Enge in ihr. Ihre Haut juckte und kratzte, sie spannte an allen Stellen ihres Körpers. Kaum konnte sie die Augen öffnen und überall lagen Schuppen um sie herum. Sie war schmutzig und farblos und sie fühlte sich rau und hart an. Kein bisschen Glanz war mehr zu sehen, keine Geschmeidigkeit. Das war kein Leben mehr für eine junge Schlange. Tränen fielen auf den Boden unter ihr und sie fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachen wollte.
So träumte sie von der Vergangenheit, als sie noch schillernd und mit wunderbarem Muster auf ihrer Haut in der Sonne lag und sich an ihren Gefährten schmiegen konnte. Sie träumte von gemeinsamen Erlebnissen und zärtlichen Gesprächen. Es war ein Traum von Schönheit, Liebe und Geborgenheit. Ein Bild von zärtlichem ineinander schlingen entstand in ihr, als ein Schatten ihren Traum erfüllte. Sie erwachte und erschrak zutiefst. Vor ihr richtete sich eine uralte Schlange auf und betrachtete sie sinnend. Ängstlich ringelte sich unsere junge Schlange zusammen und wartete auf das Schlimme, das ihr nun geschehen mochte. Doch die alte Schlange drehte ihren langen Körper zu ihr hin und sprach: "Kleine Schlange, schau her! Schau Dir an, wie meine Haut glänzt, welch herrliches Muster ich habe. Und überlege Dir, wie alt ich sein mag. Kannst Du Dir vorstellen, dass auch ich einst so jung war wie Du es jetzt bist? Und ich war ebenso traurig wie Du, weil es mir gleichermaßen erging. Ich gebe Dir einen wichtigen Rat, kleine Schlange. Geh hinaus in die Sonne und such Deinen Gefährten. Sag ihm, was du Dir wünschst, wie Du gern leben würdest. Und vertraue auf Dich und Deine Schönheit in Dir selbst. Denn so sehr Deine Hülle auch gelitten hat, in Dir selbst bist Du noch immer die Schlange, die Du einst warst. Geh, und suche ihn. Und schau Dir die Welt mit offenen Augen an. Auch wenn Du glaubst, Du wärest heute hässlich und wertlos." Die alte Schlange ringelte sich raschelnd aus dem Nest und unsere junge Schlange konnte noch das unglaublich schöne Muster ihrer Haut bewundern, während der riesige Körper an ihr vorüberstrich.
Mühsam erhob sie sich und voller Anstrengung verließ sie ihr Heim. Die ersten Sonnenstrahlen berührten ihre Haut und es schmerzte sie sehr. Doch als die erste Wärme auf ihrer spröden Haut zu spüren war, da begann sie, wieder Leben in sich zu fühlen. Langsam schlich sie durch das hohe Gras und mied dabei die dunklen Stellen ohne Sonnenschein. Die Helligkeit tat ihr in den Augen weh, doch die Wärme war einfach wundervoll. So zog sie lange Zeit durch die Wiesen, um ihren Gefährten zu finden. Und eines Tages, inmitten einer grünen Wiese mit vielen Steinen zum Sonnen, da fand sie ihn, traurig unter einer Blume liegend. Kaum, dass er sie erkannte, sprach ihn die junge Schlange auch schon an. Sie berichtet von ihrem Gefühl, nicht geliebt zu sein. Sie sprach von ihrem Traum und von den Wünschen, die sie hatte. Sie wollte wieder jagen, sie wollte in der Sonne liegen und sie wollte sich mit anderen Schlangen treffen, wieder Spaß haben. Ebenso, wie es früher war. Sie wollte ihre schreckliche Haut mit dem alten unscheinbaren Muster vergessen und sie wollte neu beginnen. Sie wollte um ihrer selbst Willen lieben und geliebt werden, gleichgültig, wie sich ihre Hülle verändert hatte.
Und während sie alles aus sich heraus sprudeln ließ, durchfuhr sie ein Schmerz von oben bis unten. Es gab einen Ruck durch ihren Körper, der sie aufschreien ließ. Mit einem reißenden Geräusch platze ihre Haut der Länge nach auf und die kleine Schlange wand sich vor Schmerz und Scham am Boden. Doch kaum war der Schmerz vorüber, da fühlte sie sich frei und unbeschwert. Am Boden neben ihr lag ihre alte Hülle, verstaubt und runzlig, farblos und voller Risse.
Ja, und sie selbst? In strahlender Schönheit lag sie da in der Sonne. Glänzend und mit einem herrlichen Muster in der neuen Haut. Die beiden Schlangen umfingen sich zärtlich und ließen sich den ganzen Tag nicht mehr los. Sie lagen dicht beieinander und sprachen über all ihre Träume und über Dinge, die sie noch gemeinsam erleben wollten.
Nicht weit entfernt beobachtete die alte Schlange das eng umschlungene junge Paar. Sie wiegte ihr altes weises Haupt und sprach so für sich: "Manchmal muss man eben aus der Haut fahren und alte Muster ablegen, um wieder zu sich zu finden." Leise verließ sie die weise und murmelte noch, grad so hörbar: "Und manchmal braucht es einen kleinen Schubs dafür....."
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